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Corona - Mit Toilettenpapier gegen die Angst

Kommunikation & Rhetorik


In dem 1986 erschienenen Buch „Ökologische Kommunikation“ hat der Soziologe Niklas Luhmann den Begriff der Angstkommunikation diskutiert. Dabei hat er „ihr eine große politische und moralische Zukunft“ vorausgesagt.  Nach über 30 Jahren kann dies nur bestätigt werden. 

Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse wollen wir uns ein, zwei Aspekte näher ansehen und kommunikationstheoretisch verorten. 

Vernunft?

Beginnen wir bei der Angst. Zunächst „braucht Angst gar nicht wirklich vorhanden zu sein. Angstkommunikation ist immer authentische Kommunikation, da man sich selbst bescheinigen kann, Angst zu haben, ohne daß andere dies widerlegen können.[...] Angst widersteht jeder Kritik der reinen Vernunft.“ 

Wer glaubt, dass Güter und Waren knapp werden, kauft erst einmal von allem mehr. Mehl, Nudeln, Reis und Zucker − Marmelade, Honig und Zwieback − Küchenrollen, Desinfektionssprays und natürlich Toilettenpapier (logisch). Die „Mobilisierung zum Hamstern“ folgt dabei der schlichten Logik, dass Menschen befürchten, dass andere aus Angst vor großer Knappheit mit dem „Hamstern“ beginnen, was sie wiederum zum Hamstern zwingt. Selbstbescheinigte Ängste, die keiner widerlegen und vernunftorientiert beschwichtigen kann – auch wenn mehrere Funktionssysteme der Gesellschaft gleichzeitig versuchen, der Angst abzuhelfen. So klärt die Wissenschaft über das Virus auf – und dies sehr sachlich und transparent (die Fakten dürften eigentlich keine größere Angst produzieren als gegenüber anderen permanent bestehenden Risiken/Gefahren). Die Politik entscheidet − sie stellt Milliarden-Hilfen bereit und trifft konkrete Maßnahmen zum Schutz des Gesundheitssystems, also zum Schutz des Volkes. Das Rechtssystem baut in nie gekannter Schnelligkeit bürokratische Entscheidungshürden ab. Sogar das Erziehungssystem überrascht und steigt spontan (!) auf massentaugliche Formen digitalen Lernens um. Also das hört sich doch alles recht positiv an. Und dennoch:

Wenn man der Angst abzuhelfen sucht, nimmt sie zu [...] Gerade die offizielle Politik, gerade die ständige Bemühung um eine Verbesserung der Verhältnisse kann angststeigernd wirken […] Psychologische Basis dieses paradoxen Effekts scheint die Tatsache zu sein, daß sehr unwahrscheinliche Risiken überschätzt werden und daß man Risiken, denen man unfreiwillig ausgesetzt ist, für größer hält als Risiken, auf die man sich freiwillig einläßt.“   

Risiko-Rhetorik

Der Kommunikation über unfreiwillige Risiken haftet stets das Fremde, Unbekannte − das schwer Einzuschätzende an. Mal ist es die Globalisierung und der menschenverachtende Kapitalismus. Dann sind es Flucht und Migration (also Menschen) oder der nicht aufzuhaltende, rasante und unberechenbare technologische Fortschritt mit seinen (unbekannten) Folgen. Und momentan ist es ein bisher unbekanntes Virus. Was auffällt: Themen, die mit hohen, unfreiwilligen Risiken einhergehen, werden zumeist auch mit negativen rhetorischen Verstärkern attribuiert. Und was menschenverachtend, böse oder nicht aufzuhalten ist, schreit dann natürlich nach weiterer Angstrhetorik als angemessene Reaktion. Hinzu kommt, dass man auch bei Angst Position beziehen kann. „Die einen sprechen von ‚Hysterie‘, die anderen von ‚Verharmlosung‘ − und vermutlich haben beide Seiten recht.“ Und heute noch mehr als damals (über die schlichten Massenmedien) verbreitet sich − dank Social Media − Angstkommunikation völlig selbstinduziert.

Angst wird zur (moralischen) Instanz

Dies alles deutet darauf hin, weshalb wir trotz aller bekundeten Solidarität vielfach gegenteiliges Verhalten beobachten können. Die Angstkommunikation scheint stärker zu sein als die Kommunikation von Solidarität. Nur so lassen sich Hamsterkäufe, aggressives Vordrängeln an den Regalen, Beschimpfungen und Beleidigungen gegenüber Kassiererinnen oder Polizisten sowie eine solide Vorwurfskommunikation allem und jedem gegenüber kommunikationstheoretisch erklären. Ob wir hierbei archaischen Prinzipien der Spezies Mensch gewahr werden, die trotz Evolution weiterhin als erfolgreiche Reaktionsmuster (Angriff /Verteidigung/Flucht) ablaufen, lassen wir im Raum stehen. Denn in „der öffentlichen Rhetorik wird Angst zum Prinzip der Selbstbehauptung hochstilisiert. Wer Angst hat, ist moralisch im Recht, besonders wenn er für andere (die Familie/Freunde etc.) Angst hat und seine Angst einem anerkannten, nicht pathologischen Typus zugerechnet werden kann.“ 

Insofern ist angstgesteuerte Kommunikation ebenso wie Kommunikation über Angst ein Katalysator, durch das ein Thema groß gemacht wird während gleichzeitig andere oder auch damit einhergehende Themen unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung fliegen. Wer konzentriert darauf, wieviele Menschen genesen sind? Wer setzt sich damit auseinander, wie gut unser Gesundheitssystem (bei allen Problemen) im Vergleich zu anderen funktioniert? Wer traut sich darüber zu sprechen, dass die Krise auch positive Begleiterscheinungen, zum Beispiel regenerative Effekte auf „die Natur“ und damit entstehende valide Daten für den Umweltschutz, mit sich bringen kann? „Wenn Angst kommuniziert wird und im Kommunikationsprozeß nicht bestritten werden kann, gewinnt sie eine moralische Existenz. Sie macht es zur Pflicht, sich Sorgen zu machen, und zum Recht, Anteilnahme an Befürchtungen zu erwarten und Maßnahmen zur Abwendung der Gefahren zu fordern.

 

Somit symbolisiert vielleicht das Toilettenpapier bei uns gerade zweierlei: Den Erfolg der Angstkommunikation und den Umgang mit ihr. Gerade so, also wolle man die Angst abwischen − und zwar gründlich! „Ein Glück nur, daß die Rhetorik der Angst wahrscheinlich nicht in der Lage ist, wirkliche Angst zu erzeugen. Sie bleibt ein Störfaktor im […] System.“


Jörg Frehmann & Mike A. Rui
Lit.: Niklas Luhmann. Ökologische Kommunikation 1986, Seite 237 - 248.

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